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2019_01_02

in amriswil wird gebaut. sehr viel gebaut. wenn man vom bahnhof die kirchstrasse hochgeht, hatte man einen schönen blick auf die evangelische kirche. nun steht rechterhand ein riesiger klotz. unglaublich gross. unglaubig protzig. daneben sieht die kirche irgendwie gedrückt aus. ich werde mich daran gewöhnen. wohl schneller als ich mir vorstellen kann. leider. das grösste einkaufszentrum der ostschweiz. das ist es, was wir wohl brauchen. noch mehr konsum. noch mehr verkehr. noch mehr unterhaltung. zwischen dem amriville, dem bestehenden einkaufszentrum, und dem neubau, wird ein platz entstehen. die bodenplatten werden im pied-de-coq-muster verlegt. einst wurden hier stoffe gewebt. herrenbekleidung hergestellt. meine freundin hat in jenem haus ihre kaufmännische ausbildung gemacht. und ich nicht weit davon entfernt in der damenbekleidungsindustrie. pied-de-coq –an dieses muster hatte ich mich schon einmal gewagt. am webstuhl ist damals ein schöner stoff entstanden. nun zieht es mich wieder an den webstuhl. soll doch am tag der einweihung dieses platzes das muster nicht nur angeschaut, sondern auch gefühlt werden. ich werde den hals des mannes, der die geschichte dieses hauses noch erlebt hat, in weichheit hüllen und ihn erinnern an das, was einmal war. auf dass es nicht vergessen gehe.

2019_01_01

die platane, ihre rinde und das neue jahr

ich habe einmal eine platane gepflanzt. besser gesagt, mein liebster hat sie gepflanzt. ich habe sie ausgewählt, gekauft und ich habe ihr einen platz in meinem garten zugewiesen. manchmal, wenn ich an jenem garten vorbeifahre, wird mir etwas schwer ums herz. das haus, zu dem der garten gehörte, war viele jahre lang unser zuhause. wird es der platane gut gehen? wird sie wachsen dürfen? oder wird sie eines tages gefällt? wenn niemand das beil an ihren stamm legt, kann sie mehr als 300 jahre alt werden. der baum könnte meinen nachfahren begegnen. sie wüssten nichts über die, die ihn gepflanzt haben. nichts über ihre geschichte. nichts über die geschichte des baums. aber sie könnten eines tages in ihrem schatten sitzen. oder ihre rinde sammeln.

unsere platane wuchs rasch. anfangs haben wir sie beschnitten. haben die flach gezogenen kronen eingekürzt. haben ein gerüst gemacht und ihr eine form aufgezwungen. irgendwann haben wir damit aufgehört. seit jener zeit reckt die platane ihre äste in den himmel.

die rinde der platane wächst nicht mit. in grossen stücken wird sie abgeworfen. der baum sieht kahl aus, tot. oder man könnte denken, er sei krank. dabei ist er voller kraft. voll im wachstum. er weitet sich aus. die platane lehrt uns. nicht alles, was wir von aussen betrachten, ist so wie es aussieht. es gibt verborgenes. es gibt geheimnisse. es gibt leben, wo alles tot erscheint.

wenn der baum jung ist, sieht die rinde einheitlich grau oder hellbraun aus. mit zunehmendem alter, wenn die rinde der platane in dünnen platten abblättert, zeigt sich die rinde darunter gelb-grau. mit jedem abwerfen einer schicht kommt etwas neues. es hat sich etwas verändert. es zeigt sich anders. vielfältiger. farbiger. das altern hat auch etwas gutes. etwas schönes. etwas wertvolles. vieles wird abgeworfen. losgelassen. und dann darf daraus etwas erwachsen. dieser gedanke macht mich gelassener. nun, da schon wieder ein neues jahr begonnen hat.

die rinde der platane beinhaltet betulin. der inhaltsstoff wurde erstmals in birken entdeckt. birken heissen in der botanisch-wissenschaftlichen sprache „betula“. daher der name betulin. wikipedia erklärt mir, was ich nicht weiss. betulin ist ein triterpen. und gehört daher in die stoffgruppe der ätherischen öle, harze und co. die heilkräuterfibel sagt mir, dass betulin positiv auf unsere haut wirkt. es besitzt antientzündliche eigenschaften. man arbeitet daran, es einzusetzen bei malaria, tumoren und hiv. betulin hat antientzündliche, antibakterielle und regenerierende Wirkungen und eine hautschützende wirkung gegen hautkrebs. melanome werden im wachstum gehemmt. ich mag beide. birken und platanen. birken standen in meines vaters garten. vielleicht liebe ich sie deshalb. auch die birken erzählen eine geschichte. wenn im winter der wind die zweige leise wiegt und sich die sonnenstrahlen im raureif spiegeln, dann erinnert mich die birke daran, dass auch in zeiten. wo nichts wächst, schönheit liegen kann.

all das, was ich heute über die platane gelesen habe, wusste ich damals nicht, als ich diese rindenstücke am boden liegen sah unweit des hauses, wo mein bruder und seine liebste wohnt. die abgeblätterten rinden faszinierten mich. die borkenstücke erzählten mir jeden tag eine geschichte. eine geschichte über das loslassen. eine geschichte über die ungewissheit, wie es weitergeht, wenn man losgelassen hat. die rindenstücke erzählten mir eine geschichte über das verborgene. eine geschichte über wachstum. ich konnte nicht achtlos darauf treten. ich konnte nicht daran vorbeigehen, ohne mich zu freuen an der schönheit des vergänglichen, die sich in jedem einzelnen rindenstück zeigt. eines tages bückte ich mich und ich nahm ein stück rinde mit. am ende waren sehr viele rindenstücke, eines schöner als das andere.

ich sollte nicht noch mehr sammeln. das sagt mein liebster. ich sollte loslassen. so wie die platane. deshalb gebe ich die rindenstücke weiter. als symbol für das neue jahr. sie sollen eine botschaft hinterlassen. auf dass das neue wachsen darf.n Sie dieses Feld an die gewünschte Stelle und das Wichtigste: Speichern Sie regelmässig Ihre vorgenommenen Änderungen.

2019_09_16

dank-, buss- und bettag.

die kirchenglocken läuten. ich höre den ruf der kirche. und ich spüre den wunsch nach stille, nach alleinesein. ob ich gehe oder bleibe, das entscheidet am ende die zeit. das unablässige ticken der uhr drängt zur entscheidung. die zeiger, die von minute zu minute weiterspringen, zeigen mir am ende, dass es zu spät ist.

zu danken habe ich trotzdem. die vergebung wurde mir zugesprochen. und beten werde ich nun im wald.

2018_08_25

kleinod am see. ein holzpavillon. ein unglaublich schöner bau. ich reisse den zeitungsartikel aus. kaum eine zeitung landet unbeschadet im altpapier. immer findet sich ein bild, ein text, ein wort, ein wandervorschlag, ein buchtipp, eine geschichte - irgendetwas, das aufbewahrungswert hat. für mich jedenfalls. mein raum überquillt. papierstapel auf dem pult. auf dem bequemen sessel aus dem brockenhaus, worauf man nicht sitzen kann, weil er ein guter lagerplatz ist für bücher, für zeitungsausschnitte. und auch anderes. flickwäsche zum beispiel. im gestell liegen die bücher in doppelreihen und kreuz und quer. "geliebtes chaos, du bist schon in ordnung." dieser satz beruhigt mich, wenn ich zwischendurch einmal selber erschrecke ob des chaos in meinem raum.

da sitzt er mein sohn. elektriker. maurer. bauleiter. elektriker darf ich nicht sagen. elektromonteur oder elektroinstallateur heisst das heute. aber jedesmal googeln, was nun was ist - da sage ich doch lieber elektriker. "schau dir dieses werk an. wie es sich in die landschaft einpasst. diese funktionalität. diese details. dieses vollendete kleinod." ja, doch - er hätte es zwar nicht bemerkt, wenn ich es nicht gesagt hätte. da verzweifelt die mutter. schönheit, mein sohn, dafür muss du dein auge schärfen. dafür musst du den blick weiten. dafür musst du hinausgehen. dann wirst du ein sehender.

und dann nehme ich den zeitungsartikel. verstaue ihn in der hängemappe, die schon längst überquillt. beschriftet ist sie "da will ich hin". ja, liebe mutter. das gilt auch für dich. nicht nur sammeln. lesen. träumen. sondern hinausgehen! dann wirst du sehen. und nicht nur sehen. sondern spüren. erleben. zum beispiel "den malerischen sonnenuntergang, gerahmt vom seerücken, dem rodenberg und dem hohenklingen mit der rheinmündung im zentrum", wie christoph wieser schreibt im tagblatt über das "kleinod am see".

2018_01_30

der erste monat des jahres ist bald vorüber. in einem monat ist schon so vieles geschehen. 

"loslassen: etwas niederlegen können, ohne es als niederlage betrachten zu müssen", sagt ernst reinhardt. darin übe ich mich. 

daran übt sich auch oma, meine schwiegermutter, die ins altersheim einziehen musste. "eine mutter kann sieben kinder ernähren, aber sieben kinder nicht eine mutter.", sagt der volksmund. und meine schwiegermutter. hätten wir es nicht zusammen schaffen können, dass sie nicht ins heim muss? das frage ich mich immer wieder. ich betrachte ihren heimeintritt als niederlage. wenn ich ganz ehrlich bin. 

aber meine eigene mutter macht es mir vor. sie lehrt mich besseres. ein heimeintritt ist keine niederlage. es ist freude. es bedeutet ein schritt in die selbständigkeit und das sich-abnabeln von den kindern. das bild der nabelschnur dient mir als trost, den leisen vorwurf zu ertragen. durch die nabelschnur ernährt die mutter das kind, nicht das kind die mutter. das abnabeln im alter bedeutet, verwöhnt zu werden mit gutem essen, mit beschäftigungsangeboten, mit rückenmassagen und gesprächen. es bedeutet, professionell gepflegt zu werden. es bedeutet aber auch, den kindern die freiheit zu schenken. ihnen die eigene entwicklung zu ermöglichen.

wir lassen los und betrachten es nicht als niederlage. der eintritt ins altersheim ist keine niederlage. weder für oma. noch für uns schwiegerkinder, für ihre kinder und und ihre enkelinnen.

und wenn es eine familie schafft, sich liebevoll um ihre alten zu kümmern, dann ziehe ich den hut. vor respekt.

2018_01_22

da flattern sie wieder in haus. all die belege, die wir für die steuererklärung benötigen. spendennachweise, lohnnachweise, bestätigungen und auszüge. ei, das waren noch herrliche zeiten, wo man sich nicht einloggen und alles selber ausdrucken musste. die pensionskasse des liebsten schreibt: "registrieren sie sich und spielen sie mit verschiedensten möglichkeiten. nach erfolgreicher registrierung nehmen sie automatisch an der verlosung teil." ich will an keiner verlosung teilnehmen, ich will nicht mit möglichkeiten spielen und ich habe auch nicht wirklich lust, mich zu registrieren. aber es muss nun wohl einfach so sein. also, bringen wir es hinter uns. vertragsnummer eingeben, zugangscode eingeben, geburtsdatum eingeben. und dann warten, warten, warten. das rädchen dreht sich. nichts geht. ah! "es ist ein fehler aufgetreten bei der registrierung. rufen sie unseren kundendienst an." das kann nicht sein. also nochmals: vertragsnummer eingeben, zugangscode eingeben, geburtsdatum eingeben. und dann warten, warten, warten. das rädchen dreht sich. nichts geht. ah! schon wieder. "es ist ein fehler aufgetreten bei der registrierung. rufen sie unseren kundendienst an." ein drittes mal. halt! vorher verlauf leeren. und dann nochmals: vertragsnummer eingeben, zugangscode eingeben, geburtsdatum eingeben. und dann warten, warten, warten. das rädchen dreht sich. nichts geht. ah! schon wieder. ich glaube es nicht! "es ist ein fehler aufgetreten bei der registrierung. rufen sie unseren kundendienst an." so dumm kann ich nicht sein. ich habe alles richtig eingegeben. also. rufe ich doch den kundendienst an - das wäre ja furchtbar, wenn ich noch die verlosung verpassen würde! also: 0800-nummer eingeben. warten. warten. warten. und dabei daran denken, wie nett das war früher. da schickte der arbeitgeber den pensionskassenauszug per post und dem rentennachweis der mutter war eine extra-kopie beigelegt. ich erinnere mich zurück an das packen der lohntüten. der verdienst wurde noch persönlich abgegeben. und dabei wurde jedem mitarbeitenden gedankt. und da waren wir noch produktiv. da mussten wir nicht warten in warteschlaufen. da hat eine person diese arbeit gemacht. und ein drucker hat gedruckt. nun hängen alle arbeitnehmenden in einer warteschlange oder versuchen, sich zu registrieren. und ich hoffe, dass der eigene langsam arbeitende drucker nicht bald aussteigt. sollte dann der pensionskassenauszug wirklich dann mal auf dem bildschirm erscheinen. tut er aber nicht. ich hänge ja in der warteschlange. 

während ich hier schreibe, warte ich. irgendwann wird doch wohl ein berater frei werden. was dann folgt an erklärung, daran mag ich noch gar nicht denken.bleibt nur zu hoffen, dass die pensionskasse des liebsten das geld gut hütet, solange wir darauf warten.

10 minuten später: ciao verlosung, ciao registrierung. ich kapituliere. dabei wäre jetzt dann sicher gerade ein berater frei geworden. ach, ich ungeduldige seele!

2018_01_08

ein neues jahr beginnt. in der kirche können wir ein jahreslos ziehen. "dies ist der tag, den der herr gemacht, wir wollen uns freuen und fröhlich sein in ihm." psalm 118.24.

ich schiele rüber. das körbchen ist schon durch die reihen gegangen. schade. ich würde mir glattwegs ein neues jahreslos holen, wenn ich könnte. es war eines der lieblingslieder meines vaters. " dies ist der tag, dies ist der tag, den der herr gemacht, den der herr gemacht ..." ich kann diesen chorus nicht mehr hören. hunderte male gesungen. abgedroschen. aber dann höre ich in mir die stimme des vaters. ich sehe, wie inbrünstig er gesungen hat, versunken in anbetung. mit geschlossenen augen. 

ich fahre zur arbeit. der erste tag des jahres. da kommt mir meine jahreslosung in den sinn. und ich nehme mir vor: ich werde das mir gegebene umsetzen. an jedem einzelnen tag dieses jahres. ich will mich freuen. ich will fröhlich sein. der tag ist vorbereitet. dies ist der tag, den der herr gemacht hat. da muss der tag einfach gut werden.

2017_12_10

meine mutter geht ins altersheim. freiwillig. und fröhlich. sie freut sich auf ihre letzte wohnung, wie sie sagt. sie hat erfahrung im umziehen. zehnmal hat sie schon die sachen gepackt und ist weitergezogen. wie sie das geschafft hat mit fünf kindern. ich schaue mich um in meinem büro. ich sollte auch räumen. wo würde ich anfangen? bei den büchern, denke ich spontan. ich stehe vor dem büchergestell und sehe bücher über schwangerschaft, stillen, erziehung. alle müssten weg. ich lese sie nicht mehr, meine kinder auch nicht und sie sind nicht mehr zeitgemäss. aber ich halte inne. ich schaue über die regale. bibeln in verschiedenen sprachen und übersetzungen, konkordanzen, bibellexika, romane, bastelbücher, bücher zu hundeerziehung und zimmerpflanzenpflege, landkarten, reiseführer, fachliteratur zur pferdehaltung, hufpflege. kinderbücher, jugendromane, grammatikbücher, duden, wörterbücher in verschiedenen sprachen, bedeutungswörterbuch, bücher zu kommunikationstheorie, personalwesen und führung einer doppelten buchhaltung. obligationenrecht, verfassung, leitfaden zum schreiben von schriftlichen arbeiten, zeitungen, rezeptesammlungen, ordner für bankbelege, rechnungen, versicherungen und briefe. sowohl empfangene als auch geschriebene. bücher zur stillberatungs. zu handweben. zur systemtheorie. zu kalligrafie. geografie. origami. bildbände über fremde länder. schweissen. ballett. bücher über die feldenkrais-methode und fünf tibeter. und alben mit den bildern meiner kindheit. und der meiner liebsten. ein ganzes leben. meine bücher zeigen mein ganzes leben. jedes buch zeigt einen abschnitt meines lebens. wie sollte ich da eines wegwerfen können. es bleibt. es bleibt alles wie es ist. sogar der kalenderzettel mit dem zitat von anja stachowski bleibt hängen: geliebtes chaos, du bist schon in ordnung. 

2017_07_26

einen monat lang nichts geschrieben in meinem blog. aber das ist ja auch kein richtiger blog. was ein richtiger blog ist, erfahre ich aus der zeitung. "mama bloggt und verdient", steht im tagblatt (focus, 24.7.17). das würde ich auch gerne. da lese ich, dass jemand 45 000 euro monatlich eingenommen hat. einfach mit blogs schreiben. 45 000 euro! man stelle sich das vor. ein bruchteil davon würde mir genügen. aber man liest es zwischen den zeilen. einfach ist es nicht. der druck von aussen. die werbung. die erwartungen der "kunden". wobei ich es befremdlich finde, von kunden zu reden. beim lesen von blogs fühle ich mich nicht als kundin. ich habe mir noch nie überlegt, dass jemand an mir verdient, nur weil ich deren blogs lese. aber da werde ich beeinflusst. die werbung. die einblendungen. 

über werbeeinblendungen könnte sich bei mir niemand beschweren. ich weiss nicht, ob das alles überhaupt gelesen wird. und ob es überhaupt jemanden interessiert. ich habe schon immer geschrieben. seit ich denken kann. zeitweise an ein mädchen in belgien. aber auch an junge männer. aber das ist schon lange her. schon sehr lange. meine eltern waren wohl so entsetzt, als sie mein versteck entdeckten im estrich, dass sie die tasche mit all den briefen beim umzug verschwinden liessen. ich habe nie nachgefragt, wer das getan hat. harmlose briefe. aber mit tiefgang. die mir viel bedeutet haben. einfach entsorgt. war es der vater? war es die mutter? sind briefe so gefährlich? sind texte so gefährlich? und ist das problem aus der welt geschaffen, wenn man die texte verbrennt oder entsorgt? bei mir war es so. damals gab es noch keine excel-tabellen, wo die adressen aufgeführt waren. es gab auch keine elektronische kontakte, die sich automatisch aktualisiern, wenn man die geräte verbindet. damals gab es adressbüchlein. dort standen die adressen der beiden jungs natürlich nicht drin. eines tages standen sie dann vor der tür. ausgerechnet beide am selben tag. wo sie sich doch nicht einmal kannten. und ich habe gemerkt, das briefeschreiben hat mich mehr interessiert als die beiden männer. ich konnte nichts mit ihnen anfangen. da hatte ich meinen liebsten bereits neben mir. aber der schreibt leider keine briefe.

2017_05_27

heute morgen habe ich „die fünf tibeter“ gemacht – nach vielen wochen endlich wieder einmal. und das hat mir gezeigt: statt mich vorzubereiten auf eine woche weben in der provence sollte ich eher eine woche wandern oder velofahren in der provence. mein körper hat an elastizität, kraft und schwung verloren, er wirkt schwer und unbeweglich. ich wünschte, ich würde jeden tag den auftrieb spüren, mich zu bewegen, zu turnen, zu tanzen. und dann setze ich mich nach einem büromorgen doch wieder an den computer, um briefe zu schreiben oder an den webstuhl, um zu weben. ich könnte tagelang einfach im haus bleiben, haushalten, kochen, schreiben, weben, telefonieren, lesen, nach draussen schauen, mich freuen am grün, am himmel, an den wolken, an den feldern, am wind. aber nach draussen gehen und mich in diesen elementen bewegen, das braucht überwindung. es ist wie mit dem wasser – ausser beim duschen, dort geniesse ich es. aber ansonsten genügt es mir, den see anzuschauen aus der ferne, am ufer zu sein, das wasser vielleicht mit der hand zu berühren. aber darin zu schwimmen, dazu spüre ich absolut keine lust. und am seeweg entlang zu rennen sowieso nicht.

jedenfalls weiss ich jetzt schon - es ist wunderbar, weggehen zu können. zu wissen, für haus und garten ist gesorgt. ich kann alles ruhig hinter mir lassen. ich werde auf jener terrasse sitzen, den blick auf den hügeln der provence ruhen lassen, diesen wunderbaren wind in den haaren spüren und ich werde einfach glücklich sein. und vielleicht werde ich am frühen morgen, bevor ich mich an den webstuhl setze und solange die luft noch kühl ist, "die fünf tibeter" machen. mich ausstrecken und mein lied in den himmel werfen. dann wird die welt in ordnung sein.

2017_05_12

heute ist muttertag. ich mag diese tage nicht. man erwartet nichts und tut es eben doch. man wehrt sich gegen diese tage (geldmacherei!) und freut sich dann doch über ein geschenk. ich sehe diese männer, die am tankstellenshop an der kasse stehen. ein merci in der hand. oder pralinen. oder einen topf mit einer pflanze für zehn franken. mit einem himmugüegeli verziert. meine güte! welche mutter hat einen solchen geschmack! ich würde mich jetzt gerne hinstellen. und ich würde ihnen gerne einen vortrag halten. ich würde ihnen raten, das merci, die pralinen, den blumenstock mit dem himmugüegeli wieder ins gestell zu stellen. (es sei denn, mama liebt merci, liebt pralinen, liebt zehn-franken-blumentöpfe-mit-himmugüegeli-verziert). die jungen männer würden schauen. eine grauhaarige, die sich vor die kolonne an der kasse stellt und wagt, die stimme zu erheben.

ich würde ihnen sagen, sie sollen das buch der bücher in die hand nehmen. vielleicht in englischer sprache. dann tönt es nämlich nicht so abgestaubt. und ich würde ihnen raten, den rat der mutter von lemuel, der könig von massa, anzuschauen. sehnen sich mütter wirklich nach dank und anerkennung? wünschen sie sich söhne, töchter und männer, die sie preisen? die sehen, was sie alles im verborgenen tut? die aufstehen und sie segnen? ich weiss nicht, ob man das heute noch sagen darf. aber ich glaube, es hat was. worte sind wichtiger als geschenke. vor allem last-minute-geschenke. geschenke, die nur pflichterfüllung sind, denen spürt man das an. anerkennung, dankbarkeit, aufmerksamkeit, respekt, ein liebes wort. dort im alltag, im immer-wiederkehrenden arbeiten. ich könnte mir vorstellen, dass es auch den söhnen und den töchtern und den männern so geht. wir sollten uns einfach mehr lieben. das ist alles. mehr geht nicht.

2017_05_11

seit einem jahr liegen zwei röllchen auf meinem pult. in beiden röllchen sollte ich ein beschriebenes blatt verbergen, auf dem meine visionen und träume aufgezeichnet sind. wo sehe ich mich in fünf jahren? wo sehe ich mich in zehn jahren? in fünf und in zehn jahren werden wir (sieben frauen, die gemeinsam lesen, reden, feiern) diese zeilen lesen. so wir denn noch leben.

ich habe es bis zum heutigen tag nicht geschafft, meine visionen aufzuschreiben. wo sehe ich mich im mai 2021? wo sehe ich mich im mai 2026? was hindert mich zu träumen?

ich besuchte kochkurse. probiere neues aus. geniesse diese kreativität. die farben. die gerüche. so viele rezepte, die ich gesammelt habe. und dennoch koche ich sie nicht. und ich weiss das sogar im vornherein. trotzdem sammle ich sie. und sie belasten mich. ich schaue sie durch, bevor ich sie wegwerfen will. und behalte dann doch die meisten.

ich besuchte einen fotokurs. wunderbar. die anderen teilnehmer sind alles männer. sie verstehen die begriffe, die kamerabedienung, die technik. ich lerne viel. viel über das sehen. viel über mich. und die bilder lassen mich nicht mehr los. trotzdem nutze ich immer noch die automatik-einstellung. die theorie habe ich nicht verstanden. und ein stativ habe ich mir nie gekauft. und auch kein neues objektiv.

ich besuchte einen kalligraphiekurs, geniesse es, freue mich an den schriften, an den schwungvollen bewegungen, an papier, tinte und feder. doch ich übe mich nicht mehr darin. es bleibt die erinnerung.

ich besuchte yoga-kurse. diese beweglichkeit, dieses in-sich-stille-werden. die kraft der bewegungen. dieses aufbrechen von energie. dieser atem. und in allem gott. er breitet sich aus in mir, in seiner ganzen fülle. und dennoch übe ich mich nicht darin. es bleibt bei einem kurs. die erinnerung an diese starken momente geht nicht verloren. die sehnsucht, meinen körper zu stärken, ist immer da. und dennoch setze ich nicht um, was ich tief in mir wünsche.

ich besuchte musikkurse. ich besuchte gesangsworkshops. ich habe gesungen. ich war an einer orchesterwoche mit meiner violine. (zugegeben, das ist schon etwas sehr lange her. aber dennoch.) ich sehne mich nach singen. nach musik. nach klavierspielen. nach geigespielen. nach dem einsinken in töne und klänge. und ich wage es tatsächlich, nehme die violine aus dem verstaubten kasten. nach wenigen minuten tun mir fingerbeeren, arme, schultern weh und die violine schreit und quächzt. es bleibt beim wunsch. bei der vision.

ich glaube, deshalb habe ich meine visionen für 2021 und 2026 noch nicht festgehalten. ich fürchte mich davor, visionen zu haben. wo stehe ich in 5 jahren. wo stehe ich in 10 jahren. so vieles wollte ich und habe es nicht umgesetzt. ich habe kurse besucht und habe dann nicht daran festgehalten. vieles habe ich geträumt, habe mich darin geübt, aber es hatte keinen bestand. die zeit frass alles auf. keine zeit zum schreiben. keine zeit zum fotografieren. keine zeit zum tanzen. keine zeit zum meditieren.

das weben ist geblieben. wenigstens das.

und doch sehe ich diesen zusammenhang. ich gehe nach draussen und sehe ausschnitte, die ich festhalten möchte. ich weiss, das gäbe das richtige bild. diesen augenblick möchte ich festhalten. ich sehe eine handschrift, eine schöne karte und fühle mich inspiriert. ich halte ein buch in der hand und fühle, dass es nicht nur schön ist. es ist auch reich in seinem inhalt. ich rieche an kräutern und sehe rezepte vor mir. ich höre eine melodie in mir und möchte sie festhalten auf einem notenblatt, spielen auf der violine, auf dem klavier und ich möchte das lied, das tief in mir ist, singen.

ob ich den mut finde, nochmals ganz neu, nochmals ganz anders zu träumen? ohne erwartungen? ohne leistung? dann hätte ich einen fokus. ich wüsste, worauf ich zugehe. und wer weiss? vielleicht würde sich der eine oder andere traum erfüllen?

2017_04_30

was denkt ein mann, der steht und schaut. 

ich sehe ihn von weitem. beim näherkommen sehe ich es. es ist ein junger mann. nicht ganz jung. aber doch jung. verglichen mit mir jedenfalls. er steht neben seinem fahrrad. er steht. er schaut. lange. unglaublich lange. so lange, bis er meinen blicken entschwindet. was denkt ein mann, der steht und schaut? ich mache einige fotos. der löwenzahn steht in voller reife, der wind spielt mit einzelnen samen und lässt sie einen reigen tanzen. der ausblick ist wirklich schön. die apfelbäume in der blüte. das pralle grün der wiese. der säntis, weiss verschneit, der himmel, blau gefärbt, die stadt, die friedlich daliegt und zu schlafen scheint. 

"schön, hä!" meine güte, das war alles, was ich sagte. dabei interessieren mich geschichten. was denkt ein mann, der steht und schaut?

2017_04_14

"erst wenn wir dunkelste stunden überlebt haben, ahnen wir, was auferstehung ist." dieses zitat von ernst r. hauschka steht heute auf meinem tageskalender. die dunkelsten stunden im meinem leben erscheinen mir nicht mehr als dunkel. vielleicht, weil vergebung zugesprochen wurde. vielleicht, weil das licht der auferstehung das dunkel des todes überstrahlt. vielleicht, weil die dunkelsten stunden erfüllt sind mit dem suchen nach dem sinn, mit den fragen an das leben und über den tod, mit dem beten und hoffen. und dies verdrängt all das alltägliche, oberflächliche und gewöhnliche. 

eine mutter in den wehen erlebt den moment des sterbens - kurz bevor ihr kind das licht der welt erblickt. so stelle ich mir den tod vor. ein kampf, ein durchbruch ins licht und dann der moment des ankommens in den armen der mutter. in den armen des vaters. vollkommene geborgenheit. vollkommenes licht. vollkommene liebe.

2017_04_13

ich lese das buch von peter gross. "ich muss sterben". im untertitel steht "im leid die liebe neu erfahren". das kenne ich. im leid die liebe neu erfahren, das ist mir nicht unbekannt. unser erleben hat jedoch einen kleinen unterschied zum erleben von peter gross. unser leid endet nicht mit dem tod. es endet mit dem leben. mit noch mehr leben. die liebe neu erfahren im leid und dann abschied nehmen müssen, stelle ich mir sehr schwer vor. wobei diese aussage vor allem eines zeigt. unser leben scheint uns so wichtig. so begrenzt. begrenzt auf eine zeit auf dieser welt. wo doch das leben weder anfang noch ende hat. daran glaube ich. ich schaue in die natur. ich sehe diese schöpferkraft. dieses sprühende leben. diese knospen, diese samen,  die die frucht bereits in sich tragen. wer so etwas wunderbares schafft, der beendet das wunderbare nicht einfach mit einem stoss. mit einem schnitt. es muss einfach weitergehen dieses leben. auch nach unserem abschied auf dieser erde. auch nach unserem ablegen dieser vergänglichen hülle. das leben wird weitergehen. schöpferisch, kraftvoll, kreativ. und es wird niemals enden.

auch in unserem leben geht es weiter. die totgesagte tochter trägt leben in sich. der wurm, der in ihr zerstören und töten wollte, wurde besiegt. und statt des todes trägt sie leben in sich. statt des zerfalls und der zerstörung wird geformt, gewebt und gedacht. "denn du hast mein inneres geschaffen, mich gewoben im schoss meiner mutter.", sagte david.

im leid die liebe neu erfahren. dass dies möglich ist, habe ich erfahren. aber damals, mitten im leid stehend, wusste ich das noch nicht. mitten im leid sollte man sich dies vor augen halten können.

2017_04_03

ferien. endlich ferien. ferien sind für mich nicht nichts-tun. ferien sind für mich viel-tun. weben. haus und garten in ordnung halten. beziehungen pflegen. briefe schreiben. kochen. schreiben. denken. beten.

ferien heisst für mich: hören auf die innere stimme. arbeiten nach der inneren uhr. ich betrachte die vögel. unbekümmert, unglaublich kraftvoll. konzentriert. so singen sie ihr morgenlied. sie werfen ihr lied in den himmel. da kommt mir die stelle in den sinn, die ich gleich nachlesen muss."seht hin auf die vögel des himmels, dass sie weder säen noch ernten noch in scheunen sammeln, und euer himmlischer vater ernährt sie doch. seid ihr nicht viel wertvoller als sie?" ich kann noch nicht sein wie ein vogel. oder wie eine lilie auf dem feld. ich wäre gerne so kindlich. so vertrauensvoll. so gelassen. 

eines tages wage ich den sprung. den sprung in das ungewisse. kein "ich-muss-arbeiten-sonst-verdiene-ich-kein-geld". keine angst, wie es sein wird im pensionsalter. keine angst, womit ich die rechnungen bezahle. ich werde sein wie ein vogel, der sein morgenlied in den himmel wirft und aufpickt, was ihm vor augen ist. 

2017_03_06

"rastlos bleiben, sich nicht auf lorbeeren ausruhen. loslassen können. wenn wir etwas nicht mehr fühlen, ist es an der zeit, einen schritt weiterzugehen." peter pilotto und christopher de vos

das ganze interview von andrea bornhauser mit den modedesignern kann man nachlesen. quelle: nzz-beilage z - frühlingsmode 2017 - im gespräch, seite 22. sie sprechen im interview über die macht von farben, liebe und arbeit sowie ihr label "peter pilotto". 

das credo dieser beiden hat mich angesprochen. es ist mir ein rat in ruhelosen zeiten. ein ansporn, schritte zu gehen. entscheidungen zu treffen. die freude nicht zu verlieren. mit leuchtenden augen zu arbeiten, zu leben, zu lieben.

2017_01_22

"wer alle fäden in der hand halten möchte, sollte vor allem auf den seidenen achten." das steht auf meinem kalender. eines ist sicher. dieser rudolf kamp, der dies gesagt oder geschrieben hat, war kein weber. und auch derjenige nicht, der den text dazu verfasst hat. sie gehen davon aus, dass seide etwas ganz fragiles ist. etwas, worauf man achten muss, das man ganz sorgfältig behandeln muss. die weberinnen und weber wissen: der seidene faden ist derjenige, der ganz sicher hält. wenn ich sicher gehen will, dass die endfäden am zettel nicht reissen, dann ziehe ich einen seidenen faden an beide enden. dann reisst kein faden an den webkanten. der seidene faden schützt die randfäden. den seidenen faden kann auch ich nicht zerreissen. er ist unglaublich stark. widerstandsfähig. fusselt nicht. behält seine form. wer alle fäden in der hand halten möchte, sollte sich für seide entscheiden. sanft, fein, zart - aber unglaublich stark.

2017_01_06

dreikönigstag. und ich bin die königin. seit jahrzehnten habe ich stets das falsche stückchen vom dreikönigskuchen abgebrochen. heute, da niemand mehr hier ist, über den ich regieren könnte, bin ich königin. eine königin ohne reich. nach regieren ist mir eh nicht. eher nach land einnehmen. aber da würde man sich feinde machen und das kann ich gar nicht gut.

ob ich das damals meinen kindern wohl erklärt habe mit den drei königen? wir haben dreikönigskuchen gebacken - jahr für jahr. immer mit demselben könig und derselben krone, die mit den jahren einige risse aufwies. aber habe ich ihnen auch erklärt, dass diese geschichte verfälscht ist, dass es an diesem 6. januar um nichts anderes geht als um kuchen zu backen, eine form zu verstecken, einen könig, eine königin des tages zu küren?

habe ich meinen kindern erzählt, dass die könige gar keine könige waren, sondern weise? sterndeuter. geschichtskundige. schriftgelehrte aus dem morgenland. irak, persien oder gar noch östlicher. vielleicht sogar von indien. die reisevorbereitungen, die wahl der geschenke, die kartenlesungen und die reise selbst, all das brauchte seine zeit. 

habe ich meinen kindern erzählt, weshalb die sterndeuter das ziel kannten, weshalb sie wussten, wo das ziel war? bethlehem. wie es der prophet micha vorausgesagt hatte. das war der geburtsort. 

habe ich meinen kindern erzählt, dass die sterndeuter nicht zur krippe im stall kamen? und das baby (griechisch to brephos) wurde geboren und liegt in einer futterkrippe, so steht es. das dumme war, dass der könig nicht mehr in der krippe lag. nach dem 40. tag, dem tag der darstellung im tempel, wanderten maria und josef mit ihrem baby wohl wieder heimwärts nach nazareth. und irgendwann wollte der kleine wohl krabbeln, irgendwann lernte er laufen. der griechische urtext des neuen testaments spricht davon, dass die weisen einem knaben (to paidion) huldigten. in einem haus. nicht in einem stall. und um sicher zu gehen, dass  die weisen den messias auch wirklich fanden, musste sich sogar der stern bewegen. herodes musste angst bekommen haben, als die sterndeuter nach dem könig fragten. als seine berater in den schriften forschten und ihm bestätigten, dass ein herrscher in bethlehem geboren werde. dass herodes alle knaben unter 2 jahren töten liess, zeigt, dass zwischen der geschichte der weisen aus dem morgenland und der geburt im stall einige zeit vergangen sein musste.

habe ich meinen kindern erzählt, weshalb man davon ausgehen kann, dass josef arm war? josef konnte sich kein opferschaf leisten, als sie jesus in den tempel brachten. die beiden tauben mussten genügen. wären die weisen bereits bei ihnen gewesen, hätten sie genug geld (gold) gehabt für ein anständiges opfer.

habe ich meinen kindern damals erzählt, dass die geschenke der sterndeuter zeichen waren? das gold, als zeichen der vorsorge für die zeit im exil, weihrauch, ein symbol für hingabe, anbetung, gebet, aber aber auch ein sehr wirksames heilmittel. myrrhe, ein hinweis auf leiden und bittere tage, aber ebenfalls ein wunderbares pflanzliches heilmittel.

ich habe vor vielen jahren krippenfiguren gemacht. sie seien sehr schön, sagt man. aber ich stelle sie nicht mehr auf. jedenfalls nicht mehr in dieser formation. obwohl - wäre ja egal, weihnachten ist eh nicht das, was wir aus ihr gemacht haben. aber manchmal braucht man solche tage, um sich zu besinnen. auf das, was sie uns sagen wollen und auf das, was wir aus ihnen gemacht haben.

nun aber, heute bin ich königin. und deshalb habe ich die freiheit, zu tun und zu lassen, wonach mir ist. da kommt ein ruf per whatsapp. nana. nana soll kommen. und da rennt die grossmutter los ...

2017_01_05

ein unberührter tag liegt vor mir. unglaublich, wie still es ist. weiche flocken fallen, alles ist gedämpft. ruhig. nur in mir ist es unruhig. die stunden des tages vergehen so unglaublich schnell. die letzten ferientage ebenso. so vieles ist noch offen. so vieles möchte noch angepackt werden. was ist dran? 

alleinesein und für mich sein? lesen, schreiben, weben, fotografieren, musik hören, spazieren im schnee ...

oder zusammensein und für andere da sein? einkaufen für die mutter, reden mit der schwiegermutter, menschen besuchen, kochen, putzen, gastfreundschaft pflegen.

nach alleinesein ist mir. da muss ich den döschwo nicht aus der garage packen, ihn durch den schnee quälen und dem salz aussetzen. da muss ich mich nicht warm einpacken und da begegnen mir keine menschen, die mich ärgern.

nach zusammensein ist mir. da muss ich raus, muss mich anziehen, mich öffnen, frische luft einatmen, neue menschen kennen lernen und in gesprächen zueinander finden.

da gäbe es noch die dritte möglichkeit. alleinesein und das dringende erledigen. den weihnachtsbaum entlasten, damit er wieder in seiner natürlichen schönheit nach draussen gehen kann. die weihnachtskarten noch einmal lesen und schweren herzens entsorgen. dankesbriefe schreiben. ein gutes essen für den liebsten kochen. den staub aus dem haus schütteln. die knitterfalten aus den wäschestücken bügeln. die papierberge abbauen. rezepte einordnen. die küchenkästen putzen. die geschäftsmails lesen und beantworten. dem briefträger den weg zum haus freischaufeln. die interdisziplinäre projektarbeit für m. überarbeiten. die rechnungen bezahlen. 

getrieben oder berufen. getrieben vom dringenden - oder berufen? was ist meine bestimmung? wenn ich es nur für heute wüsste, wäre ich schon erleichtert ...

2017_01_04

gestern habe ich ein neues projekt begonnen. schals aus feiner merino-wolle. schwarz-weiss. im hahnentrittmuster. pied-de-coq oder pied-de-poule tönt natürlich besser. wobei - wenn ich nun meinen zettel anschaue, das feine material, dann heisst das muster wohl eher pied-de-poulette, so kleinkariert wird die musterung sein. das hat auch viel mit mir zu tun. ich mag feine fäden. ich mag feine muster. aber es hat auch damit zu tun, dass ich es nicht den berühmten und erfahrenen weberinnen und webern gleichtue. sie fertigen zuerst ein musterstück an, betrachten und befühlen es, wägen ab, ob die kettfädendichte und die anzahl schüsse pro cm stimmen, ob das muster und die farben gefallen, bearbeiten, waschen, nähen und entscheiden erst dann, ob das projekt umgesetzt wird auf dem webstuhl. ich arbeite einfach darauf los. natürlich, ich berechne das material. ich habe ein bild vor augen. die wähle die farben. aber ich webe kein musterstück. vielleicht hat es mit faulheit zu tun, mit zeitmangel, mit gleichgültigkeit. vielleicht. denn es ist schon so - manchmal entspricht das resultat nicht der vorstellung. und dann liegen einige meter stoff vor mir und ich frage mich, was ich nun damit machen soll. 

ich bin genügsam. meistens kann ich damit leben, dass nicht alles so wird, wie ich es mir vorgestellt habe. so ist das leben. ich habe es noch nie geschafft, ein musterstück zu weben und zu schauen, was daraus wird. meistens habe ich eine vision, ich stürze mich rein und packe an und irgendwann stehe ich dann ernüchtert da. und versuche, daraus etwas zu machen. die hoffnung auf ein neues projekt rettet mich dann meistens. diese freien tage wären eigentlich dazu geschaffen, mal näher hinzuschauen. nicht nur beim weben. sondern auch beim leben.

2017_01_03

diese tage sind eigenartig. weshalb fürchten sich menschen in diesen tagen mehr vor der zukunft als an anderen tagen? weshalb schauen sie angstvoll in die zukunft, sind unsicher und fragen sich, was vor ihnen liegt? weshalb fassen sie neuen mut, vorsätze zu fassen und sind bereit, innezuhalten und über das leben nachzudenken? 

vielleicht brauchen wir nach all dem einkaufen, nach dem glitzern und glimmen, nach dem feiern und festen einen moment des innehaltens. einen moment des nachdenkens, bevor das leben uns wieder einnimmt. bevor wir wieder bestimmt werden durch den rhythmus des alltags, wo wir uns oftmals fremdbestimmt fühlen. wir hoffen, dass die freien tage uns diesen druck nehmen und dass wir an diesen freien tagen das tun können, wonach wir uns immer wieder sehnen. aber dann merken wir: es sind nicht die freien tage, es sind nicht die ferien, die uns geben, was wir brauchen. es ist nicht der alltag, es ist nicht unser job, der uns nimmt, was wir gerne hätten. aber es ist das, was in uns ist, es ist das, was uns bewegt, es ist das, was oft verdeckt ist und an solchen übergängen, in solchen frei-zeiten hervorbrechen darf. manchmal mag es angst sein. manchmal ein vorsatz. manchmal ein traum, eine vision. und manchmal eine neue erkenntnis. 

ich wünsche uns die zuversicht. und die leichtigkeit. und das lachen.

" she is clothed with strength and dignity; she can laugh at the days to come." proverbs 31.25

2016_12_31

ich öffne die letzte seite meines tagebuchs. was werde ich heute abend schreiben? welche gedanken werden mir durch den kopf gehen? ich schaue mich um in meinem büro. ich gehe mit viel unerledigtem ins neue jahr. da herrscht chaos. aber da hängt über dem chaos auch das zitat von anja stachowski: «geliebtes chaos, du bist schon in ordnung.» so nehme ich es mit ins neue jahr. das unerledigte, das pendente, das chaos. es gibt wohl dinge, die sich wenig verändern. die wir mitnehmen. ob ins neue jahr oder in einen neuen lebensabschnitt. es gibt dinge, die gehören einfach zu einem. und da tut es gut zu sagen: «... du bist schon in ordnung.»

der webstuhl ist leer. ein projekt ist abgeschlossen. ein neues ist in arbeit. so werde ich im neuen jahr wieder neu beginnen. das ist schon in ordnung so. dennoch bleibt mein herz offen. und mein auge auch. es soll nicht so weitergehen. es soll sich etwas neues eröffnen. mein fokus ist gerichtet auf etwas neues. kein neuer wein in alten schläuchen. neuer wein in neuen schläuchen. danach sehne ich mich. und ich bin gespannt darauf. so, wie man den frühling riechen kann, so rieche ich etwas neues, das auf uns zukommt. und die freude regt sich in mir. und deshalb kann ich so gelassen sein. wie es auf dem gestrigen kalenderblatt stand. ernst ferstl sagt: «... der beste aussichtsturm des lebens ist die gelassenheit.»

2016_12_30

ich lese die karte, die ich verschickt habe, noch einmal. ich lese auf der vorderseite: «erfüllte träume stillen nicht die sehnsucht. wir bedürfen nur eines: liebe. bedingungslose liebe.» auf der rückseite der karte aber wünsche ich dann den empfängern der karte: erfüllte träume, gestillte sehnsucht und bedingungslose liebe. ein widerspruch! was habe ich mir nur gedeacht? wie konnte ich solche karten verschicken? prompt kommt heute die erste reaktion: was nun? was gilt? vorder- oder rückseite? weshalb wünscht du mir erfüllte träume, wenn sie doch nicht die sehnsucht stillen? das widerspricht sich doch!

ich hatte grosse sehnsucht nach unserer tochter, die mit ihrem liebsten in australien ist. sie werden kein leben führen, wie es die meisten tun. sie werden irgendwo auf dieser welt leben, weit weg von uns, weit weg von allem. in mareeba, ganz im norden von australien werden sie nächstes jahr vorbereitet auf ihre aufgabe. ein kleines flugzeug, eine mission, eine aufgabe. es war ihre sehnsucht. ihr traum. 

meine sehnsucht, mein traum war, die beiden zu besuchen. wieder einmal meinen fuss zu setzen auf das land, nach dem ich mich seit meiner jugend sehne. und wir haben uns den traum erfüllt und haben die beiden besucht. es war einfach wunderbar, sie in die arme zu schliessen, zu sehen, wo sie leben, wo sie studieren und ihre feunde kennen zu lernen. zuhause habe ich dann gemerkt, dass ich mir einen traum erfüllt habe. aber die sehnsucht blieb irgendwie halt doch. das fernweh nach australien, die sehnsucht nach den lieben. und dann wurde mir bewusst: es genügt, wenn die liebe bleibt, wenn wir geliebt sind, wenn wir lieben, wenn die bedingungslose liebe von gott uns umfängt. eigentlich sind dann alle unsere wünsche erfüllt, dann bleibt keine sehnsucht. dennoch: es war eben doch wunderschön, uns den traum zu erfüllen, unsere sehnsucht zu stillen – und deshalb habe ich das auf meiner karte als wunsch angefügt. es ist schön, träume zu haben, sich wünsche zu erfüllen und zu merken, die sehnsucht wird gestillt. für einen kurzen moment. aber das ist nichts, das bleibt, nichts, das unser innerstes ruhig stellt – nur die Liebe bleibt ewig.

2016_12_28

wie lange bleiben  sätze in unserer erinnerung, die uns gesagt wurden - vor vielen jahren. wir halten sie fest. vielleicht geben wir sie sogar weiter an unsere kinder. und die sätze legen fest, sie liegen fest, sie werden als wahrheit angenommen. manchmal ist es wohltuend, diese festlegungen anzuschauen. und sie zu hinterfragen. manchmal erkennen wir, dass sie uns gut tun. manchmal ist es wichtig, dass wir sie loslassen. manchmal müssen wir sie neu einordnen.

jedenfalls - heute rebelliere ich. ich verwerfe den rat. ich verwerfe die verurteilung. «langes fädchen, faules mädchen.» über diesen satz denke ich heute nach, während ich den saum an meinen fertig gewebten hand- und geschirrtüchern nähe.ich nehme ein langes fädchen. ein sehr langes. ich freue mich. ich freue mich, dass das lange fädchen nicht verknotet, dass das lange fädchen für die ganze webbreite ausreicht, dass ich kein neues fädchen in dieses ach-so-kleine nadelöhr einfädeln muss. und ich freue mich. denn diesmal erweist sich dieser satz - zumindest auf den zweiten teil bezogen - als unwahr. denn ich bin nicht faul. und ich bin glücklich.

2016_12_25

meine weihnachtsgeschichte vom jahre 2010 - und übrigens, das tännchen wurde zur tanne. sie steht heute noch am selben platz, wie damals, als wir sie gepflanzt haben. und sie ist mir heute noch so lieb wie damals ...

«Es war einmal eine kleine Blautanne. Sie stand nicht etwa in einem schönen Wald. Nein, sie gehörte zu jener Sorte, die in Reih und Glied in einer Baumschule standen, herangezüchtet nur für einen Zweck: das Weihnachtsgeschäft. Von aussen betrachtet könnte man sagen, trostlos in jener Baumanlage. Ein Bäumchen stand in genau abgemessenem Abstand neben dem anderen, das eine schöner, regelmässiger, gerader, das andere schäbiger, krümmer und kleiner. Aber man kannte ja nichts anderes. Es war einfach so. Hier gesetzt zum Wachsen, hier gewachsen, um geschlagen zu werden, geschlagen zu werden, um in einem Wohnzimmer Träger zu sein von Kugeln, Kerzen und Glitzer. Die kleine Blautanne gehörte nicht zu jenen, die heranwachsen durften, um in einer Einkaufshalle, auf einem Marktplatz oder gar in einer Kirche zu stehen. Weit entfernt von Perfektion. Kein Grund zum Stolz. Da nützte keine Anstrengung, kein Sich-Bemühen, die Tatsachen waren gegeben, damit musste sich die kleine Blautanne zufrieden geben. Aber träumen, das durfte man. Träumen, in einer schönen Stube zu stehen, von zarten Frauenhänden berührt zu werden, von leuchtenden Kinderaugen betrachtet zu werden, sogar Männerherzen erweichen zu können. Die Jahreszeiten gingen an den Bäumen vorüber, der Frühling, der sie einhüllte mit seiner lauen Wärme, der Sommer, der sie quälte mit der gleissenden Hitze, der Herbst, der sie einhüllte in kalten Nebel und der Winter, der sie bedeckte mit der schweren Schneelast. Viel Zeit zum Träumen, viel Zeit zum Warten, viel Zeit zum Bangen. Davor fürchteten sie sich alle: Wenn die Männer kamen, zuerst die, die bestimmten, aussortierten, bezeichneten. Später die anderen, die kamen um auszuführen, laut, ungestüm, mit Maschinen bewaffnet. Aber das gehörte dazu, das wussten sie alle. Geschäft ist Geschäft.

Schon von weitem waren die schweren Schritte zu spüren. Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis die schwarzen Stiefel vor dem Bäumchen standen. Jetzt ist also der Augenblick gekommen, dachte die kleine Blautanne. „Was mache ich nur mit dir!“, knurrte eine Stimme. „Hm, ich glaube, da nützt nur eines: Viel Dekoration!“ Es spürte, wie ein farbiges Band um seinen Hals geschlugen wurde, bevor sich die Stiefel vor dem nächsten Bäumchen hinstellten. Und so kam das Demütigende: Es wurde nicht geschlagen, es wurde ausgegraben. Früh geschlagen zu werden war schon schlimm, aber nicht geschlagen zu werden, das war schlimmer. Aber ein Baum, der in einer Baumschule aufwächst, ist nicht dazu bestimmt, sich zu wehren. Er wird gezogen, er wird gepflanzt, er wird geschlagen, er wird verarbeitet, er wird verfeuert. Jeder hat seine Bestimmung.

Da stand es nun, über und über mit kitschigen Goldkugeln und Lametta behängt und mit einer künstlichen Lichterkette umhüllt. Auch hier gab es Zeit genug zum Träumen. Eben – von zarten Frauenhänden, Kinderaugen, Männerherzen. Doch die Menschen hasteten vorbei, manche blieben stehen, entschieden sich für einen ungeschmückten Baum, manche wählten einen grossen, starken, geraden, andere einen kleinen, buschigen, runden – aber niemand für eine kleine in Kitsch gehüllte Blautanne. Weihnachten nahte, nur noch eine kurze Zeit waren die Geschäfte geöffnet, ein Mann räumte die Tannäste zur Seite, nahm den Reisbesen zur Hand, die Nacht brach herein. Da stand vor dem Bäumchen eine Frau, jung, schön, aber müde schien sie zu sein. Sie betrachteten sich gegenseitig. Sie schien unschlüssig, natürlich sah dies das Bäumchen, es wusste, wie schäbig es aussah. Was war es, was die junge Frau veranlasste, es in die Hand zu nehmen und zur Kasse zu tragen? Es wusste es nicht. Es musste Erbarmen gewesen sein, oder Verzweiflung, oder Zeitnot.

Das Bäumchen wurde in eine Küche getragen, warm und behaglich war es. Die Frau betrachtete das Bäumchen nachdenklich, da öffnete sich die Türe. „Meine Güte, was hast du denn da für einen Krüppel ausgesucht!“, fragte eine Männerstimme. – „Es war das billigste und nimmt uns nicht viel Platz. Von mir aus kannst du es morgen wieder rausstellen, es steht ja im Topf“, sagte die Frau in versöhnlichem Ton. – „Ohne Topf würde es besser brennen im Kachelofen!“, knurrte der Mann und verliess die Küche. Der Weihnachtsabend zeigte, auch die Kinder waren nicht begeistert von dem Bäumchen. „Aber Mami, warum hast du nur so einen kleinen Baum ausgesucht. Wir wollten einen, den man nicht auf einen Schemel stellen muss. Und einen schönen!“ Dabei fand die kleine Blautanne, dass sie jetzt wirklich schön aussähe. Die Frau hatte die kitschige Dekoration entfernt und es mit winzigen, weissen Kerzen und Glaskugeln verziert und die beiden fanden Gefallen aneinander – in ihren Augen hatte es Gnade gefunden und unter ihren Händen wurden seine Makel verdeckt. Es durfte Weihnachten werden in jenem Haus.

Aber Weihnachten ist irgendwann vorbei. Das Bäumchen wurde mit dem Topf draussen deponiert. Die Jahreszeiten gingen an dem Bäumchen vorüber, der Frühling, der es einhüllte mit seiner lauen Wärme, der Sommer, der es quälte mit der gleissenden Hitze, der Herbst, der es einhüllte in kalten Nebel und der Winter, der es bedeckte mit der schweren Schneelast. Viel Zeit zum Träumen, viel Zeit zum Warten, viel Zeit zum Bangen. Hin und wieder wurde es bewässert, manchmal wurde es umgeweht vom starken Wind und lange liegengelassen und oft schien es vergessen zu sein. Bis eines Tages etwas geschah: Es wurde aus dem Topf genommen und eingepflanzt in den Garten. Dort steht es noch heute. Gross gewachsen, stolz und schön. Einen Platz gefunden. Bewundert. Die Blautanne wuchs heran. Jahreszeiten gingen an ihr vorüber, der Frühling, der sie einhüllte mit seiner lauen Wärme, der Sommer, der sie quälte mit der gleissenden Hitze, der Herbst, der sie einhüllte in kalten Nebel und der Winter, der sie bedeckte mit der schweren Schneelast.

Aber nichts bleibt, wie es ist. Immer wieder sah die Blautanne, wie die Frau vor ihm stand und sie betrachtete. Ein Umzug stand bevor. Die Frau hatte einen Wunsch: Mein Bäumchen kommt mit mir. Das machte die Blautanne stolz. Sie hatte es zu etwas gebracht. Wer hätte das gedacht! Aus einem unscheinbaren, krummen, billigen Weihnachtsbäumchen war sie herangewachsen zu einem Baum, der geliebt wurde. Und doch, Erinnerungen kamen auf. Die Blautanne wusste, es würde nicht einfach werden. Männer würden kommen, Hände und Maschinen würden an den Wurzeln reissen, sie würde gestützt werden müssen, bis die Wunden verheilt wären. Eines Tages aber entschied die Frau anders. Nicht ihretwegen, sondern seinetwegen. Sie wollte ihren Baum verschonen. Sie wollte ihm seinen Platz nicht nehmen. Ein letztes Mal kam sie zu ihm, strich über seine Nadeln und ihre Gedanken gingen zurück all die Jahre, die sie hier verbracht hatte. Die Blautanne wusste es. Sie hatte vieles gesehen, vieles miterlebt, mancher Hund hatte in all den Jahren sein Bein gehoben an ihrem Stamm, viele Male wurde die Wiese gemäht unter ihren Ästen.

Wieder war Weihnachten. Sie waren alle nicht mehr da. Das Haus leer, keine Stimmen ertönten, keine Kerzen brannten, aus dem Kamin kam kein Räuchlein. Und doch war Frieden. Es würden Veränderungen kommen, neue Menschen würden einziehen und andere Hunde ihre Beine heben. Die Blautanne wusste, sie hatte Wurzeln geschlagen, weil jemand mehr in ihr gesehen hatte als sie von aussen geschienen hatte, weil jemand Erbarmen mit ihr gehabt hatte und weil jemand ihr gezeigt hatte, dass Schönheit nicht von Wichtigkeit ist. Sie hatte ihren Platz gefunden. Hier würde sie wachsen und stehen als Zeichen für jene, die diese Zeichen erkennen.»

© irene hilpertshauser-seydel, 8580 hefenhofen

2016_12_19

jedes jahr wieder. zum neuen jahr. viele karten werden zur post gebracht. jedes jahr staune ich wieder. wie die jungfrau zum kind, komme ich zur idee. manchmal ist es eine collage. manchmal kommt die idee beim arbeiten in der natur. oder beim arbeiten am webstuhl, wenn im regelmässigen takt das schiffchen hin und her fliegt. und manchmal kommt die idee im gespräch. so war es in diesem jahr. zwei suchende, zwei fragende sind wir. diese freundin und ich. die gespräche sind tief. manchmal schwer. manchmal finden wir keine antwort. und wir gehen auseinander mit noch mehr fragen an das leben. an gott. wir suchen unsere bestimmung. und um die letzten worte ringend, bevor wir abschied nehmen, fallen diese worte. ich sage: «erfüllte träume stillen nicht die sehnsucht.» aber was brauchen wir? meine freundin sagt: «wir bedürfen nur eines: liebe. bedingungslose liebe.» und diese worte stehen in diesem jahr auf den vielen karten. 

2016_12_17

seit tagen sitze ich hier. die homepage, die alte, wird nicht mehr unterhalten. etwas neues muss her. hier haben sie ihre templates, wird uns gesagt. und so beginnt die übung. aus einigen stunden werden tage. aus verzweiflung wächst erkenntnis. das neue entsteht und wächst. noch entstehen printscreens der alten site. noch ein bisschen festhalten am alten. am design. an den erinnerungen. sich nochmals erinnern an jene tage, als die erste site entstand. sich erinnern an die suche nach namen. 

und ich fand yeran. die armenische form von irene. damals fand ich es gut. und auch heute noch finde ich es gut. frieden. die glückliche frau. die friedenspenderin. möge es so sein ...

2016_10_02

altwerden ist das geschenk der möglichkeit zu späten einsichten.

an dieses zitat von max mell musste ich heute denken. ich war in der kirche. eine jodelmesse von thomas haubrich stand auf dem programm. ich ging nur wegen meiner mutter hin. jodeln, trachtenkleider und all dieses volkstümliche ist mir ein graus. das tönt nun nicht gerade nett und ich kann es mir auch nicht erklären. dahingegen schmelze ich dahin, wenn ich blues, soul, rock und jazz höre. das ist meine welt. auch das kann ich nicht erklären, weshalb es so ist. aber ich habe mich dennoch aufgemacht. meine mutter hätte alleine nicht gehen können. und dann kommt mir das zitat in den sinn. meine späte einsicht ist die: vorurteile sind urteile, die verurteilen. und manchmal ist es gut, wenn man vorurteile über den haufen schmeisst, um dann zu merken: es hat sich gelohnt. diese wunderschöne mischung aus kirchenmusik, klassik und volksmusik – wunderbare klänge von chor, violine und orgel. und worte, die berührt haben ... gut, darf ich dieses geschenk der späten einsicht noch empfangen.

2016_10_03

kritisiere nicht, was du nicht verstehen kannst. die zeiten ändern sich.

sagte einst bob dylan. so vieles kommt auf uns zu. wieder ein neues update auf meinem iphone. wieder gewohntes loslassen. ich ärgere mich. und dennoch weiss ich: in wenigen tagen werde ich mich nicht einmal mehr daran erinnern, wie es vorher war. das lehrt mich, offen zu sein. das alte ehren aber offen sein für neues, für unbekanntes und für ungewohntes. dieses flexibel-bleiben, diese offenheit, diese neugier möchte ich bewahren beim älterwerden. wir müssen den tatsachen in die augen schauen. wir werden älter. die zeit verändert sich. ich möchte mich nicht verschliessen. ich möchte daran glauben, dass wir bis zu unserem letzten tag eine bestimmung haben, auf die wir zuleben dürfen. und ich möchte den neuen tag mit offenen armen empfangen.   

2016_10_01

wer einmal das aussergewöhnliche erfahren hat,

kann sich nicht mehr an die normen des durchschnitts binden. an dieses zitat von richard bach muss ich denken, als ich dort in der reithalle stehe. frauen tanzen. schwingen fahnen. singen. manche haben ihre hände erhoben. manche lachen. manche weinen. andere stehen völlig in sich gekehrt da. ich bin nur zuschauerin. ich warte auf den auftritt meiner tochter. dann steht sie da. im scheinwerferlicht. wunderschön. mit strahlenden augen. voller energie. und sie erzählt ihre geschichte. die geschichte, die sie und ihre schwester für immer verbunden hat. sie hat ein teil ihrer selbst gegeben. sie war bereit sich zu opfern. das opfer, das einst unvorstellbar war. ein arzt nannte sie als kind einmal "en chliine hypochonder", weil sie panisch schrie, obwohl nicht sie sondern ihre schwester geimpft wurde. und weil sie beim arzt schrie, als gehe es um ihr leben. und doch war sie es, die das unglaubliche auf sich nahm. diese hingabe hat alles verändert. und was zum tod verurteilt war, wurde zum triumph. da steht die eine tochter da - im strahlenden licht, die andere tochter am anderen ende der welt - nicht weniger strahlend. da kann ich nur dastehen. es wird still in mir. und ich werfe den dank hinauf in den himmel, zu dem gott der meine freude ist.

2016_09_10

ich stehe auf der ersten fähre, früh am morgen. ein feiner dunst liegt über dem see.

nur wenige menschen machen mit mir die überfahrt. einige lesen. einige trinken kaffee. das servierpersonal ist unfreundlich. die bänke nass. ein mann diskutiert mit der billettverkäuferin den eurokurs. ich wende mich ab und suche die stille.

da sehe ich unten, dort wo die autos stehen, einen jungen mann. in sich gekehrt. still. fliessende bewegungen. im fahrtwind, am äussersten punkt dieses grossen schiffes, dort wiederholt er die immer gleichen übungen. meine augen folgen seinen bewegungen. dieses völlige in-sich-gekehrt-sein berührt mich. ich erinnere mich an zeiten, da haben wir dieses alte lied gesungen. ich werfe mein lied hinauf, hinauf in den himmel. zu dem gott, der meine freude ist. damals war für mich gott oben im himmel. heute schaue ich zum himmel und der blick in den himmel ist ein anderer. der blick scheint in die weite zu gehen und gott scheint mir ganz nah zu sein. nicht oben im himmel. sondern ganz in mir. ich weiss nicht, welche gedanken dieser junge mann, der völlig in sich gekehrt seine bewegungen macht, hat. machen suchen die leere. alles ist nach innen gerichtet. völlig in sich gekehrt. ob er dort, in der völligen leere und der grossen stille jenen findet, der alles ist und der überall ist. oben im himmel. und ganz in uns.

2016_07_18

glühwürmchen

in sachen lichtquelle ist der leuchtkäfer allem überlegen, was der mensch bislang erfunden hat. während eine glühbirne gerade mal fünf prozent ihrer energie in licht abgibt, sind es beim glühwürmchen fünfundneunzig prozent. selbst die neuesten led haben keinen derart hohen wirkungsgrad. der käfer erzeugt licht aus sich selbst. er muss weder von der sonne angestrahlt noch aufgeladen werden. er hat das licht in sich. (quelle: rolf höneisen. idea spektrum. 11. mai 2016)

was ist der mensch. wenn ich das lese, komme ich mir sehr klein vor. was für eine energie trägt dieser kleine käfer in sich. für die liebe. um sich zu vereinen. diese schönheit für die liebe. und wir menschen? wir versuchen frieden zu stiften und doch hört man allerorts von terror und krieg, mord und totschlag, zerrüttung und streit. und wir sind so vielem noch nicht auf die spur gekommen. so vieles haben wir noch nicht entdeckt. so vieles habe wir noch nicht verstanden.

ich möchte mal wieder ein glühwürmchen sehen. und staunen. und danken für das licht der liebe.

ich möchte mal wieder ein glühwürmchen sehen. und glauben. glauben, dass auch in uns dieses licht strahlt. für die liebe. füreinander. für den frieden. das wäre dann "heaven on earth". himmel auf erden.

2016_07_16

schall breitet sich im wasser fünfmal so schnell aus wie in der luft

lese ich im migros-magazin. was bedeutet das für die wasserpflanzen? für die fische? ich stehe mit einer freundin am see. eine wunderschöne nacht. ein sound wird immer lauter. licht. tanzende menschen. ein partyschiff nähert sich dem hafen. menschen feiern. sie tanzen. das ist gut. und doch stehe ich bange dort am ufer und frage mich, was wir menschen tun mit der uns übertragenen autorität, der erde und seinen lebewesen sorge zu tragen. die dumpfenden töne durchströmen meinen körper. ich habe boden unter den füssen. ich bin gehalten. aber was geschieht wohl dort in der tiefe des sees. dort, wo der schall sich fünfmal so schnell ausbreitet wie in der luft.

2016_06_21

sich ärgern? empören? sich dagegen auflehnen? oder etwas verändern?

ich schreibe nur. das ist alles. das ist meine art, der empörung einen raum zu geben. mein liebster muss es in worte fassen. und das am liebsten am frühen morgen. am frühstückstisch. ich habe mich vielleicht gerade gestreckt, habe mich vom buch der bücher inspirieren lassen, habe geschrieben, freue mich aufs frühstück. und da beginnt es. sein ärger muss ein gegenüber finden. es brauchte jahre, bis ich mich nicht angegriffen gefühlt habe durch diese wort-attacken. ein kanal sein. das würde mir gefallen. er ärgert sich. gibt mir stichworte. und dann setze ich mich hin und fasse es in worte. aber das geht nicht. ich muss ja zur arbeit. die beste zeit des tages dem arbeitgeber schenken. was für eine verschwendung der kreativität. was für ein verlust an lebensqualität. doch dann lasse ich mich versöhnen. die fahrt zum arbeitsort, der see, die weite, das eintreten ins büro, die jungen menschen. das möchte ich vor augen halten ...

mein liebster ärgert sich. barfuss autofahren sei gefährlich, sagen sie. es geht nicht mehr lange, da werden wir autofahrschuhe tragen müssen. genauso, wie wir helme tragen müssen. vielleicht werden wir sogar handschuhe tragen müssen. die gefahr auszurutschen ist zu gross. das ist der ärger meines liebsten.

mein ärger ist ein anderer. 170 häuser, zwei kirchen, bibeln werden verbrannt in pakistan. und keine zeitung berichtet darüber. keiner empört sich. menschen werden wegen ihres christlichen glaubens grausam verfolgt, getötet. und niemand fasst es in worte.

was uns beiden mangelt, dem liebsten und mir, ist die tat, die dem ärger folgt. wo werden wir sein in fünf, in zehn jahren? ich wünsche mir, dass wir wege finden, dem unrecht die stirn zu bieten. nicht nur zu schreien, sondern zu handeln. ich wünsche mir, dass wir frieden bringen, einen ort schaffen, wo menschen frieden finden. und gerechtigkeit. das wünsche ich mir mehr als alles andere.

2016_05_24

wenn wunderbare weberinnen aus aller welt

ihr wissen weitergeben, lebt ihre kunst weiter. fünf tage in der provence, bei kühlem wetter, aber umso wärmerer gastfreundschaft im webatelier karcher in seillans, die muster nachweben von winnie poulsen und dann staunen über die kunstwerke, die am webstuhl entstehen - was gibt es schöneres.

2016_04_23

jeder augenblick im leben

ist ein neuer aufbruch, ein ende und ein anfang, ein zusammenlaufen der fäden und ein auseinandergehen. das sagt yehudi menuhin. wenn ich diesen gedanken nur immer in meinem bewusstsein hätte. diese achtsamkeit. dieses bewusstsein. diese ruhe.

ich sitze am webstuhl und dort wird das, was in diesem zitat ausgedrückt ist, sichtbar. aufbruch. ende. anfang. zusammenlaufen der fäden. auseinandergehen. in diesen gedanken wird meine aufgewühlte seele ruhig.

2016_04_06

gott hat einen plan

sagen die menschen. es lassen sich auch entsprechende bibelstellen finden. ich lese aber heute in der bibel: befiehl dem herrn deine werke und deine pläne werden zustandekommen. aha. kein sich hingeben und keine mach-du-mal-ich-warte-mal-haltung. sondern ein aufruf: werke. mache pläne. lege sie hin. und die zusage: dann werden sie gelingen. ich habe ferien. ferien vom arbeiten gegen geld. ansonsten ist alltag. waschen. putzen. kochen. jäten. pflanzen. die zeit läuft mir davon. die stunden vergehen im flug. und nichts umgesetzt. scheinbar. ich arbeite planlos. leiser frust breitet sich aus. ich hätte einen plan machen sollen. hätte ihn vorlegen sollen. und dann wäre er gelungen. ich könnte ja heute damit anfangen. so kurz vor ende meiner ferien.

2016_04_01

mein backofen

die wohnung ist sauber. blitzblank. so sauber, als hätte noch nie jemand darin gelebt. es gab bei der abgabe keine rüge. nun ist unsere tochter mit ihrem liebsten down under. liegt im botanischen garten in sydney. eine neue welt. neue klänge. neue wege.

wir sind noch hier. hier geht alles in gewohnten wegen weiter. und mein backofen glänzt nicht. im gegenteil. wenn gäste kommen, hoffe ich immer, dass sie meinen backofen nicht sehen. doch dann kommt mir meine tante frieda in den sinn. sie lebt nicht mehr. sie weiss nicht, dass ich fast täglich - nämlich beim öffnen der backofentüre - an sie denke. dankbar. und befreit. meine mutter hat mir diese geschichte erzählt. bei meiner mutter glänzt nämlich auch alles. und der backofen sieht aus, als würde er nie gebraucht.

und das ist nun die geschichte. meine mutter war als junges mädchen einmal bei ihrer schwester. meiner tante frieda. frieda war eine wunderbare köchin. als meine mutter einmal in den backofen schaute, war sie entsetzt. "frieda, frieda, wie sieht dein backofen nur aus!" tante frieda jedoch sagte gelassen: "einen backofen darf man nicht putzen. ein backofen muss so aussehen wie meiner. das gibt den guten geschmack." mein backofen riecht nicht nach putzmitteln. er sieht gebraucht aus. sehr gebraucht sogar. ganz gelassen schiebe ich die lasagne in den ofen. und danke meiner tante frieda.

2016_03_20

die sehnsucht lässt alle dinge blühen

das sagt marcel proust. das steht mir bevor. dagegen werde ich kämpfen müssen. denn die tochter, die jetzt bald ausreist, reist für einige zeit aus. für lange zeit. vielleicht für immer. da wird immer wieder sehnsucht aufkommen. und alles, was sein könnte und nicht ist, wird in diesem licht der sehnsucht erscheinen. was wäre wenn ... ach, wäre das schön ... weisst du noch ... wenn wir nur könnten ... und dabei würde alles blühen in dieser sehnsucht. ob aber nicht alles anders wäre, wenn dieses herbeigesehnte dann alltag würde? ich wünsche mir, dass wir einen anderen grund legen können für dieses getrennte leben. kein "was wäre wenn" und keine vorstellungen, die durch die sehnsucht verfälscht sind. die wahrheit soll uns tragen: da wo ich bin, ist mein platz. da wo ich bin, lerne ich für mein leben. da wo ich bin, da wollte ich einst unbedingt hin. da wo ich bin, das war einst meine grosse sehnsucht. und solange ich da bin, ist alles gut. und wenn es nicht mehr gut ist, dann ändere ich meine pläne. eines ist gewiss: liebe bricht niemals ab. liebe kennt keine grenzen. liebe kennt keine distanzen. liebe ist ewig.

2016_02_12

ein freier tag

mitten in der woche. was für ein privileg. in aller frühe aufstehen. mit dem liebsten frühstücken (was nicht gar so romantisch ist, wie es sich anhört, aber dennoch gut ist). am laptop sitzen. emails checken. neue sitzbezüge für den döschwo anschauen, weil sie letzte woche bei der fahrzeugabnahme am strassenverkehrsamt den sitz bemängelt haben. dabei sassen sie wohl nie in einem döschwo. so ist ein döschwo-sitz nun einmal. man sinkt wohlig ein. man schaukelt durch die gegend. sehr zum ärgernis jener, die zur selben zeit zur arbeit fahren müssen. ein döschwo vor der nase - und schon kommt einem der arbeitsweg länger vor. so denken die fahrerInnen wohl. so scheint es mir jedenfalls, wenn ich sie im rückspiegel beobachte. wobei ich mit meinem döschwo nicht länger brauche für den weg zur arbeit als wenn ich mit einem porsche zur arbeit fahren würde. 50 - 70 - 80 stundenkilometer, ja sogar 100 stundenkilometer schafft mein döschwo locker. und nachdem wir in unserem gemeinsamen autoleben einige hundert franken für bussen ausgegeben haben, halten wir uns nun an die geschwindigkeitsbegrenzungen. sehr zum ärgernis jener, die mir folgen. heute nicht. heute haben sie freie bahn. sollten sie dabei eine busse kassieren wegen zu schnellen fahrens, werden sie es bereuen, dass nicht der kleine blaue döschwo vor ihnen hergeschaukelt ist.

2016_02_04

stören sie dich denn nicht?

die anglizismen in den gedruckten medien? in social media? auf plakaten? im alltäglichen sprachgebrauch? das fragt mich mein götti, der in australien lebt. und der täglich etliche schweizer zeitungen online liest. nein, mich stören sie nicht. ich habe sie mir einverleibt. ich liebe diese sprache. sie hat eine weichheit, eine tiefe, die mir fehlt in unserer sprache. i love you. grace. riverside. heaven on earth. dieser klang. diese tiefe. englisch ist eine herzenssprache.

gut, zugegeben, es gibt auch ausdrücke die mir im deutschen besser gefallen. das deutsche hotdog gefällt mir besser als das englische. wenn ich hotdog in der schweiz höre, dann ist es einfach ein wienerli im brot. beim englischen hotdog wird mir übel.

ich habe dann schon eher mühe mit dem deutschen deutsch. da lese ich neuerdings des öfteren "altenheim", "altenpflegerin", "klösse" und "patenonkel". und wenn ich dann noch begrüsst werde mit einem "grützi", na ja ... dann ... ich bleibe bei "grüezi", "altersheim", "tätschli" und "götti". oder noch besser "godfather". das wäre dann noch das tüpfelchen aufs i. oder "the icing on the cake".

2016_02_01

nicht das verlorene betrauern, sondern das anwesende erkennen

der wecker meines liebsten ist aufdringlich laut heute morgen. ich habe ferien. die versuchung ist gross, einfach liegenzubleiben. es sind schliesslich ferien. ich habe das recht dazu. aber dann erinnere ich mich an das, was ich mir jeden morgen in einer normalen arbeitswoche wünsche. "jetzt den wind im haar spüren." - "wenn ich jetzt einen morgenlauf machen könnte". "ich wünschte, ich könnte jetzt die wolken und den himmel betrachten." "wenn ich jetzt nur meine gedanken zu papier bringen könnte." aber dann ruft die arbeit. meine kreativste zeit schenke ich meinem arbeitgeber. ertrage die lahmheit einer neuen generation. und ich frage mich manchmal, wo mein platz ist auf dieser welt.

aber heute morgen springe ich aus dem bett. das, was ich mir immer wünsche, kann ich jetzt haben. mein lied in den himmel werfen. den wolken zuschauen. gedanken denken. gebete sprechen. den wind in den haaren spüren. weben. schreiben.

2016_01_24

die tochter hat sich verändert

die tochter, die "niemals" ein kind, eine familie haben wollte. die tochter, die "nie im leben" eine geburt durchmachen wollte. nun sitzt sie da, den sohn an der brust und ich höre die stimme meiner tochter, die sanft ihrem kind trost zuspricht. veränderungen sind möglich. wenn ich zurückschaue, dann staune ich. es waren begegnungen. mit menschen. mit gott. und dann wird aus dem "niemals" ein "ja". ich habe die veränderungen aus der ferne beobachtet. den weg zum "ja", die zusage, die wachsende freude, den sich verändernden körper, die geistige vorbereitung auf eine schmerzfreie geburt. schmerzfrei war sie nicht. aber sie waren getragen. sie hat sich hingegeben, hat losgelassen, ist durch das wellental in die ruhige see gegangen und hat leben geschenkt.

ich denke an meine eigenen veränderungen. damals in stöckelschuhen, mit rot lackierten nägeln auf dem weg zur arbeit. jeden tag. aber an jenem tag, wo die füsse quälend schmerzten, wo ich wusste, dass ich ein kind in mir trug, ging vor mir eine frau. leichtfüssig. grosse schritte. mit weichen sandalen an den füssen. der rock, der ihre beine umspielte, war leicht. auch jene frau trug ein kind in sich. dieses bild liess mich damals nicht mehr los. ich liess das lackieren, ich ersetzte die stöckelschuhe durch weiche sandalen. verschuf mir luft um die brust. der liebste bedauerte es. ich hatte ihm besser gefallen vorher. aber ich konnte nicht mehr zurück. die veränderung hatte ihren anfang genommen. 

2015_12_30

zurückschauen auf ein jahr

und sehen, es geht weiter. das leben ist ein fluss. abschied nehmen und geboren werden. säen und ernten. weinen und lachen. fragen und danken. das gibt zuversicht. auch wenn vieles angst machen könnte. das macht gelassen, auch wenn das herz aufgewühlt sein mag.

es ist alles gut.

2015_09_22

der sohn

vierundzwanzig jahre ist es her. unvergesslich. die geburt. zuhause. in diesem kleinen zimmer. nur die hebamme und die mutter. manchmal der vater. manchmal die kleinen töchter. und dann den sohn in den armen halten. den versprochenen. damals in dunklen und wirren zeiten, wo es unerreichbar schien, dass die liebe sich je wieder finden würde. da erbat sie von gott ein zeichen. und er gab der mutter eine zusage: du wirst einen sohn haben. jahre später die erfüllung. und er erhält den namen "der von gott erbetene". und er erhält einen zweiten namen "der altes leid vergessen macht".

er wurde seinem namen gerecht.

2015_07_15

vor drei jahren

haben wir den Bescheid erhalten: die leber unserer tochter ist zerstört durch einen fuchsbandwurm. drei jahre sind inzwischen vergangen. ich lese in meinen tagebucheintragungen. es scheint alles weit weg zu sein. unvorstellbar, dass wir unversehrt diese zeit überstanden haben. die entscheidungen. das bangen. die qualen.

und heute feiern wir das leben.

wenn das keine gnade ist ...

2015_02_08

wintertag

still liegt der see da. grau. unbeweglich. unendlich. das andere ufer ist versunken im weiss des nebels. ich liebe diese stimmung. die kälte im gesicht. die weite. die kahlen bäume. mein liebster vergräbt die hände in den taschen. sie sind warm, trotz der kälte. der winter trübt seine stimmung. er sehnt sich nach farben. nach blau. nach grün. nach rot und gelb. er sehnt die sonne herbei. er träumt vom sommer. wir treten ein in die "wunderbar". es ist das feuer an diesem wunderbaren ort, das ihn wärmt. und das seine seele wieder aufhellt. 

2015_01_03

ein neues projekt

die kinder sind in aller welt, die freunde, mit denen wir das neue jahr willkommen heissen wollten, mussten uns absagen. der freund liegt im spital. der liebste räkelt sich auf dem sofa und freut sich, dass er nicht aus dem haus muss. und mich ziehen die kirchenglocken, die lichter, die funken, die klirrenden gläser auf dem dorfplatz. doch es gibt einen raum, der alles vergessen lässt. dort sitze ich am webstuhl, lasse meine gedanken fliessen, beende mein projekt von burgundfarbenen handtüchern im wissen, dass im neuen jahr etwas neues entstehen darf. ich schneide die fäden ab, räume auf, gehe nach unten, stehe auf dem balkon und schaue in den himmel. hast du dir etwas vorgenommen?, fragt meine tochter am telefon. nein, vorgenommen nicht. aber ich weiss, dass das jahr 2015 ein jahr des sehens wird. erkenntnisse manifestieren sich. sie zeigen sich. und darauf bin ich gespannt.

2015_01_01

säen für die zukunft

die mutter tut das, was man tut im winter. die trockenen tage nutzen. den garten räumen. die mutter ist dankbar für die ernte des sich zu ende neigenden gartenjahres. in ihrer hand liegen zwei bohnen. die bohnen sind gezeichnet. mit zeichen, die die einen fürchten und die die anderen ver¬ehren. doch im garten der mutter scheren sich die unterschiedlichen bohnen nicht darum. die samen keimen, das kraut rankt und breitet sich aus, es bringt neue samen hervor. verborgen in der schützenden hülle zeichnet sich auf die eine sorte ein feines ornament. eine monstranz. ein engel. auf die andere sorte eine helle und eine dunkle seite. das zeichen von yin und yang. beide bohnen sind gezeichnet. gewachsen, um zu nähren. gewachsen, um anzuregen zum denken. zum heilen. zum staunen. gewachsen, um neues leben zu bringen, wenn der same in die erde fällt.

die mutter betrachtet die feine zeichnung der monstranzbohne. sie erinnert sich an die kleine kammer im kloster. im gespräch mit einem bruder über das leid, das sich über sie aus¬gebreitet hat. in den händen kleine monstranz¬bohnen, die sich zusammenfügen zu einer kette. der bruder spricht ein gebet. und die mutter weiss: es wird alles heil.

die mutter hält die yin und yang-bohne in der hand und schaut zurück auf das vergangene jahr. auf das gute und das böse. auf das fröhliche und das traurige. auf die aufgehende sonne und die sich zusammenballende wolke. auf das lachen und das weinen. auf das leben und das sterben.

die mutter denkt an den, dem lieder gesungen wurden. dessen fest nun gefeiert wurde. ein fest, das anlass gab zum schenken. er war angekündigt als könig, doch geboren wurde er im stall. er war berufen zur herrschaft, doch leben musste er in einem unterdrückten volk. er zeigte gnade und war doch unerbittlich. er kannte seine macht und spielte sie dennoch nicht aus. er vergabfehler und deckte doch schonungslos auf. er predigte gerechtigkeit und brach das gesetz. er segnete die einen und verurteilte die anderen. er verkündete frieden und brachte trennung. er heilte kranke und erlitt selber qualen. er sprach vom ewigen leben und starb den tod eines verachteten.

die mutter betrachtet die unterschiedlichen bohnen. sie lächelt. die bohnen erzählen ihr eine geschichte. ihre zeichnung gibt den bohnen ihren namen. monstranz und yin und yang. sie sind ein sinnbild für gegensätzlichkeit. menschen streiten und kämpfen für ihre vorstellung von recht und wahrheit, doch ungeachtet dessen zeichnet einer sein bild. und formt etwas vollkommenes, unverwechselbares und wunderschönes.

mitten im chaos dieser welt. 

2014_12_29

fernweh

die mutter tut das, was mütter tun, wenn die kinder ausfliegen. sich sehnen. und die eigenen sehnsüchte erkennen. sie sieht die möglichkeiten, die sich eröffnen. sie erkennt die verborgenen wünsche, die sich hervorwagen. sie spürt das neue, das vor ihr liegt. und sie leidet unter den zarten banden, die sie zurückhalten. sie sieht die unmöglichkeiten. die barrieren. das, was sie hält.

doch die mutter entscheidet sich, nicht auf das zu schauen, was vor augen liegt. sondern auf das, was verborgen ist. noch.

2014_11_22

der webstuhl ist wieder eingerichtet

flauschige schals sollen entstehen. ich sehe sie vor mir, gewickelt um junge schöne hälse. doch ich muss erkennen, dass es nicht so sein wird. das gewebte sieht aus wie ein flickenteppich. das flauschige material, festgehalten in den kettfäden, wird straff, eng, hart. das flauschige material muss luft haben, muss freiheit haben, muss fliessen können. erst dann kann es kuschelige wärme bringen. ich sitze vor dem webstuhl. enttäuscht, weil das projekt nicht gelingen mag. doch langsam reift ein gedanke. festes leinen. das werde ich einweben in diese kette. die leine ist stark genug für diese starke kette. gegenseitig werden sie sich halt geben. und so entstehen sie nun. tischsets, tischläufer. abends halte ich das weiche flauschige material in meinen händen und stricke weiche schals. ich muss ich an das leben denken. an die jungen menschen, die sich einhüllen werden in diese schals. sie müssen freiheit haben. sie müssen schweben können. sie müssen hände haben, die sie führen. in sanftheit. in klarheit. und mit einer grossen vision.

2014_10_08

morgenstunde

die mutter muss ins spital. es ist noch dunkel draussen. doch dort drinnen ist alles hell. ich trete hinaus in den morgen und sehe das licht. nur nicht nach hause. nur nicht zur arbeit. einfach am see verweilen. laufen. atmen. gedanken denken.

ich vermisse den hund. er hat mich gezwungen, nach draussen zu gehen. er hat mich zu meinem glück gezwungen. in der frühen morgenstunde hinauszutreten. in die kühle morgenluft. in den regen. in den nebel. in den schnee. bei jedem wetter. zu rennen. zu atmen. zu lachen. und dann heimkommen. gefüllt mit gedanken. gefüllt mit freude durch die schönheit der natur. voller dankbarkeit für die schöpfung.

nun, da ich den hund nicht mehr habe - was wird mich zu meinem glück zwingen? die zusätzlichen striche auf der waage, seitdem die hundespaziergänge ausfallen? die schmerzenden füsse am morgen? die zunehmende steifheit? der ruf der natur? der ruf des schöpfers?

2014_08_02

morgentau

abends mit freunden zusammensitzen. ein feuer. essen und trinken. musik. gespräche. wach bleiben bis in alle nacht. und frühmorgens unausgeschlafen aus dem fenster schauen und sich entscheiden - weiterschlafen oder hinaus in die natur. das aufraffen hat sich gelohnt. der morgentau auf den blättern. der feine nebel über den feldern. das licht. der glanz. gespräche mit gott. und dann in den tag gehen - gestärkt und beschenkt.

2014_07_29

gerissene fäden

ich sitze am webstuhl. feine baumwollfäden in der kette. baumwollbändchen im schuss. ein langer tischläufer entsteht. es wird ein schönes webstück. ein einmaliges. plötzlich reissen fäden. ich kontrolliere oben am webstuhl die kettfäden. alle fäden sind da. alle laufen, wie sie laufen sollten. und doch stimmt etwas nicht. ich kontrolliere unten am fertig gewebten stoff und sehe - dort sind die fäden gerissen. weit unten. tief im stoff. mitten drin. und alles fällt auseinander. einen tischläufer habe ich geplant. jetzt, da ich versuche zu retten, was zu retten ist, sehe ich, dass es nur ein kleines tischset geben wird. der rest ist verloren und fällt auseinander.

wie im leben manchmal. alles was geplant. alles schien gut zu sein. da reisst etwas auf. da geschieht etwas unvorhergesehenes. etwas unerwartetes. und alles ist anders. alles fällt auseinander. und es gibt nur noch eines - versuchen zu retten, was es noch zu retten gibt. etwas neues planen. neue wege gehen. ungewollt. und am unvollendeten nicht verzweifeln.

2014_07_10

das schicksal ist ein mieser verräter.

das lese ich heute auf einem pult. und das regt meine gedanken an. ist es das? ist das wahr? oder bestimmt unsere reaktion auf das geschehene, ob das schicksal ein verräter ist oder ein freund? bin nicht ich es, die bestimmt, ob ich verbittert schuldzuschiebungen mache und mich als opfer fühle oder ob ich akzeptiere, den kopf erhebe und sage: jetzt erst recht. trotzdem. dennoch.

dennoch bleibe ich stets bei dir, sagt einmal der psalmist im buch der bücher. dennoch. ich gehe weiter. ich befehle meiner seele, nicht zu verbittern. ich gebiete meiner seele, dankbar zu sein. ich rufe meiner seele zu: freue dich.

2014_06_16

die frühsommertage

in der provence, zusammen mit den liebsten, liegen hinter mir. und nun versuche ich zu bewahren, was mir in erinnerung bleibt von der provence und den tagen hier in unserem zuhause ... den duft der provence - im kräutersalz, den blühenden holunder und die zitronenmelisse - im sirup, die stunden im webatelier in seillans - im handtuch. im geniessen, im gebrauch, werden die erinnerungen wach werden. das schöne bleibt unvergessen.

2014_03_25

mein pfirsichbäumchen blüht

und ich sollte in den garten gehen. staunen und micht freuen.

die leinenschals in den passenden, zarten pastelltönen sind fertig gewebt. nun kommt das grün, das kräftige. draussen im garten. und in meinem webraum.

2014_03_13

der seidelbast blüht

mir spielt das wetter keine rolle. ob es regnet, ob es schneit, ob die sonne strahlt oder dicker nebel alles einhüllt. egal. mir ist alles recht. nicht so meinem liebsten. die sonne verändert alles in ihm. die sonne macht ihn glücklich. die wärme schenkt ihm energie.

heute war ich im garten. ich habe den lavendel geschnitten, die harte erde bearbeitet und gesehen: mein seidelbast blüht. darüber hätte mein vater sich gefreut. aber ich glaube, ihm mangelt es nicht an freude. dort, wo er ist. ich lege die hacke hin, hole meinen fotoapparat und schaue mir meinen garten durch die linse an. die zeit vergeht. die arbeit bleibt liegen. auch gut. ich lege mich ins gras, um noch die letzten schneeglöckchen zu betrachten. dann nehme ich die hacke und betrachte das angefangene werk. weit habe ich es nicht gebracht heute. da sagt eine nachbarin im vorübergehen lachend: du bist auch immer am arbeiten, wenn man dich sieht. dabei habe ich doch nur meinen garten betrachtet.

2014_02_23

und die mutter sieht ein flugzeug.

es bringt die menschen in das land, nach dem sie sich sehnt. das sie noch nie gesehen hat. dessen duft sie nie gerochen hat. von dem sie liest. eine karte lieg tin ihrem briefkasten. sie trägt eine palästinensische briefmarke. abgestempelt in jerusalem. in der klagemauer in einer ritze stehen die namen ihrer töchter. aufgeschrieben von einer freundin. ihre namen sind nicht vergessen. sondern aufbewahrt.

diese worte stehen in meinem buch "der wurm". bald werde ich dieses land betreten. werde diesen boden betreten. den duft einatmen. und in eine ritze der klagemauer werde ich einen zettel mit den namen meiner töchter klemmen. darauf wird keine bitte stehen. es wird ein dank sein. ein dank für eine übergrosse gnade. ein dank an denjenigen, der sie nicht vergessen hat.

2014_02_07

rom. die ewige stadt.

vier tage lang umhergehen. im regen. mit nassen füssen. die karte in klammen fingern. schauen. staunen. verzweifeln ob der grossen eigenen unwissenheit der geschichtlichen zusammenhänge. aus winzigen tassen espresso trinken. den gestikulierenden autofahrern zuschauen. müde in kirchenbänke sinken. den kopf in den nacken legen, bis sich alles dreht. ehrfürchtig staunen ob der kunst. und dann sich erinnern an stephanus, der sagte: aber der allerhöchste wohnt nicht in tempeln, die mit händen gemacht sind. in uns will er wohnen.

2014_01_23

der winter will nicht kommen. aber kalt ist es in der nacht. der vater arbeitet draussen. in der dunkelheit. steigt im scheinwerferlicht auf den balkon und will die regenrinne anpassen. die mutter sitzt in ihrem webraum. kühle leine in ihren händen. noch hart und unbeweglich. aber sie denkt an den frühling. das schiffchen fliegt hin und her. rosa, gelb, weiss und hellblau. wenn der frühling kommt, sind die schals bereit.

2014_01_06

die ferien sind vorbei

feiern, krank im bett liegen, tee trinken, ausschlafen, nichts tun und stöhnen über den baldigen alltagsbeginn. und dann ist es soweit. montag. geweckt werden um fünf uhr dreissig. sich aus dem bett quälen. duschen. sich bereitmachen für die arbeit. aus dem fenster schauen und den erwachenden tag sehen. die erleuchteten bergspitzen, die farben des himmels. zur arbeit fahren und begrüsst werden. freudig. lachend. glücklich. es tut gut zu spüren, dass der alltag kommt und dass der alltag schön ist. trotz oder genau wegen der arbeit. 

2014_01_01

ein neues jahr beginnt. alles steht offen. was vor uns liegt ist ungewiss.

aber am ersten tag eines neuen jahres ist nichts offener als an jedem anderen tag. nichts ungewisser als an jedem anderen tag. jeder einzelne tag, der vor uns liegt, ist neu. in jedem augenblick steht alles offen. jeder morgen birgt ungewisses. so stehen wir heute an einem besonderen tag. der eigentlich ein ganz gewöhnlicher ist.

2013_12_29

die weihnachtszeit ist die zeit der geschichten.

auch ich habe eine geschichte erzählt. ich habe sie geschrieben für meine töchter, weil wir ahnten, dass ihre geschichte eine andere sein würde als die unsere. wir haben sie begleitet. wir haben sie beobachtet. wir haben gehofft. gewartet. gebetet. sie waren in einer anderen welt.

die medien haben an weihnachten die geschichte erzählt. vor einem jahr, als das wunder geschah. und in diesem jahr haben sie wohl in ihren archiven gewühlt und die geschichte wieder gefunden. ja, es geht ihr gut. es geht ihnen gut. den beiden schwestern. jener, die das leben geschenkt hat. und jener, die das leben geschenkt bekommen hat. das ist eine gute weihnachtsgeschichte. im letzten jahr. in diesem jahr. und in den jahren, die folgen werden.

2013_12_31

wir sind auf dem weg. wie ein schiff, das einen „haven“ anfährt. einen ort, der nicht vor augen ist, von dem man aber weiss, dass er existiert.

jedes jahr mache ich eine collage zu weihnachten oder neujahr. worte aus einer zeitung reisse ich aus dem zusammenhang und gebe ihnen einen neuen platz. in diesem jahr hat mich das wort "haven" auf einem duftsachet angesprochen. und mit diesen worte wünsche ich unseren liebsten eine gute reise durchs vor uns liegende jahr. möge die reise gut sein.

möge die reise zum „haven“ gut sein –

ob erst gestartet oder kurz davor

auf sanften wellen schaukelnd

oder noch mitten auf rauher see

möge die reise zum „haven“ gut sein

gute sicht, leuchttürme und lichtvolle tage.

2013_12_27

die mutter lehnt den kopf an die kalte autoscheibe. sie schaut zum himmel. zu den sternen.

der vater fährt durch die strassen. sie sind erleuchtet von sternen. von sternen, die unter seinen händen entstanden sind. während fünfundzwanzig jahren werden sie die strassen dieser stadt schmücken. nur in der adventszeit. in den anderen zeiten sind die strassen grau. in den jahren, die kommen, wird es eine erinnerung sein. an diese zeit. die hände des vaters schweissen die sterne und die hände der chirurgen öffnen die körper seiner töchter. das dunkle wird ans licht gezerrt. es wird offenbar durch das licht der sterne. durch das öffnen des körpers. das licht offenbart das grau der strassen. und das zerstörerische werk des wurms. das licht bringt erleuchtung. der stadt. und den chirurgen. das licht bringt veränderung. für die strassen. und für ihre töchter. sie haben verloren, ihre töchter. eine, weil sie gesund war. und eine, weil sie krank war. beide haben nun weniger. sie, die gesund war. und sie, die krank war. und obwohl beide weniger haben, fühlen sie sich nicht betrogen. noch sieht man nicht, ob beide gewonnen haben. ob beide triumphieren werden. er, von dem alle sprechen in diesen tagen, dessen geburt man feiert, dessen name nur in dieser zeit so frei ausgesprochen werden darf, er sagte, es gibt keine grössere liebe als wenn einer sein leben gibt für seinen nächsten. beschenkte sind sie. der vater. die töchter. der sohn. die liebsten ihrer kinder. und auch sie, die mutter. fünfundzwanzig jahre sind eine lange zeit, denkt sie. zweitausendundzwölf jahre sind auch eine lange zeit. ob maria ahnen konnte, dass man auch nach so vielen jahren noch davon sprechen würde. von der geburt in einer gruft. von den engeln. von den hirten auf dem feld. von ihrem sohn, den sie jesus nannte. der auch alles gegeben hat. verachtet wurde. verloren hat. und dennoch siegen wird. und wenn die mutter jetzt, den blick zu den sternen gerichtet, an jenes land denkt, wo alles begann, wo alles offenbar wurde, dann ist er da. der duft von feigen. von orangen. von zimt und koriander. der duft von zitronengras. und sie sieht sich und ihre liebsten, wie sie tanzen und sich wiegen im wind.

das war der text der letztjährigen weihnachtskarte. es ist viel geschehen zwischen der letzten und der diesjährigen weihnacht. ungewissheit damals, ob das leben siegen wird. gewissheit heute, dass das leben gesiegt hat. dennoch ist dies nicht von grösster wichtigkeit, denn das leben besteht nicht aus dem hier und jetzt, aus dem, was wir hier auf erden sehen, sondern aus vergangenheit, gegenwart und zukunft. und die zukunft hört niemals auf. ewiges leben hat uns jener gebracht, den wir in diesen tagen feiern.

2013_12_18

weben oder schreiben. das ist heute die frage.

die worte sind gefunden. die karten sind gedruckt. die briefumschläge beschriftet. die marken geklebt. aber ich möchte danke sagen. grüssen. nachfragen. erzählen. und das braucht zeit bei so vielen karten. deshalb gehe ich weben. dort denke ich nach und vergesse, was ich alles noch erledigen sollte. was von mir erwartet wird. und wie bald weihnachten da ist.

2013_12_14

16 Fäden pro zentimeter. 52 cm breit. 832 fäden. und einer davon macht nicht mit.

831 fäden tun genau das, wofür sie bestimmt sind. sie heben sich, wenn ich den tritt runterdrücke, sie senken sich, wenn ich den tritt loslasse. nur einer stört. einer reisst ständig. einer hält mich auf und stört den rhythmus. und weil einer nicht mitmacht, kann ich kein perfektes produkt herstellen. manchmal geduldig, manchmal ungeduldig, manchmal hässig, manchmal kopfschüttelnd ziehe ich diesen einen faden wieder ein, flicke, vernähe, webe weiter. soll ich ihn einfach rauslassen, rausreissen? doch das geht nicht. er hat seinen platz. wenn dieser eine faden nicht mehr dort in der litze liegt, wird es sichtbar werden, dass er fehlt. da kommt mir paulus in den sinn. er hatte auch so einen "stachel", der ihn störte. dreimal habe er gebetet, dass gott ihn davon befreie. und gott habe gesagt: "lass dir an meiner gnade genügen." so webe ich weiter. und denke über das wort "gnade" nach.

2013_12_10

das schiffchen fliegt hin und her. ich habe den takt gefunden. der stoff wächst mit jedem schuss.

das tuch wird schön. die farben gefallen. doch dann muss ich innehalten. die webkante wird unregelmässig. ein faden liegt locker. nach einigen schüssen reisst der faden. ich muss die sache in die hand nehmen. den Faden neu spannen. und ich muss entscheiden. gehe ich zurück an die stelle, wo die unregelmässigkeit begonnen hat? lasse ich die unschöne webkante so, wie sie nun ist? macht diese unschöne stelle das tuch wertlos? leidet die qualität des tuches unter dieser unschönen stelle? auch früchte müssen alle regelmässig sein. ohne makel. alle dieselbe grösse. keine flecken. sonst werden sie nicht verkauft. sie müssen ausgesondert werden. sie werden weggeworfen. als wären sie nicht mehr geniessbar. sie sind als wertlos erachtet worden. ist es mit meinem leben auch so? gibt es fehler, die immer sichtbar sein werden? die den wert meines lebens mindern? oder sind es nicht gerade die fehler, die schwächen, die zu mir gehören? mit denen ich leben darf? die ich ansehen darf und dann entscheiden darf, wie ich damit umgehe? es gibt einen neubeginn. ich darf vorwärts gehen. im leben. und im weben.